Am Premierenabend seht ihr auf der Bühne eine fertige Geschichte. Kostüme, Licht, Musik und Kinder & Jugendliche, die scheinbar mühelos ihre Rollen spielen. Doch wie entsteht eigentlich ein Theaterstück?
Wir haben mit unserer Regisseurin Christiane Leuchtmann (im Weiteren CL abgekürzt) über Ideenfindung, Probenarbeit und die besondere Atmosphäre im Kinder- und Jugendtheater gesprochen.
Von der Idee zum Stück
Wie beginnt die Suche nach einem neuen Stück?
CL: Ganz am Anfang steht bei uns selten ein fertiges Theaterstück. Meistens sprechen Doris Paul als Intendantin und ich zuerst darüber, was die Gruppe interessiert – Abenteuer, Märchen, Freundschaft, Humor oder vielleicht auch ein aktuelles Thema. Dabei entsteht oft ein gemeinsames Kernthema. Im letzten Jahr war es zum Beispiel „Liebe“. In diesem Jahr beschäftigt uns der Gedanke des „stetigen Wandels“. Erst danach schauen wir gezielt nach passenden Vorlagen oder entwickeln selbst eine Geschichte.
Es gibt dabei auch Stücke, die wir bereits früher aufgeführt haben. Diese übernehmen wir jedoch nie unverändert – Inhalt, Text und Rollen werden immer wieder an die neue Gruppe angepasst. Gleichzeitig arbeiten wir auch mit Stücken, die vielleicht einem von uns noch unbekannt sind und zunächst gemeinsam neu erarbeitet werden müssen. Und manchmal entsteht sogar etwas ganz Eigenes: Es wurde beispielsweise für das diesjährige Stück der Jüngstengruppe ein komplett neues Stück geschrieben.
Wer entscheidet letztlich, was gespielt wird?
CL: Die finale Entscheidung liegt zwar bei der Regie, aber die Gruppe wird immer mit einbezogen. Wir beobachten sehr genau, welche Kinder dabei sind, wie groß die Gruppe ist und welche Stärken sie mitbringen. Das Stück soll zu den Kindern passen, nicht umgekehrt.
Wird das Stück angepasst?
CL: Ja, fast immer. Rollen werden erweitert, gekürzt oder sogar neu geschrieben. Auch Ideen der Kinder fließen ein. Gerade dadurch entsteht oft der besondere Humor unserer Aufführungen. Manche Kinder und Jugendliche sagen direkt zu Beginn, dass sie nicht so viel Text möchten – auch das wird berücksichtigt, genauso wie der Wunsch, vielleicht etwas mehr im Vordergrund zu stehen. Entscheidend bleibt dabei immer – die Rolle muss zum Kind passen.
Können Kinder Wünsche äußern?
CL: Ja, Wünsche dürfen jederzeit geäußert werden, und wir nehmen sie sehr ernst. Die Kinder sollen Neues ausprobieren und auch einmal aus gewohnten Rollenbildern heraustreten dürfen. Nach den Vorstellungen im letzten Jahr wurde in einer Gruppe zum Beispiel von zwei Jungen der Wunsch geäußert, im nächsten Stück eine weibliche Rolle zu spielen. Eine Jugendliche wollte bewusst einen männlichen Part übernehmen und eine weitere Schauspielerin hat sich sogar eine komplette Typveränderung hin zu einer unsympathischen Figur gewünscht. Solche Ideen greifen wir gern auf, denn gerade dadurch entstehen besonders spannende Entwicklungen auf der Bühne.
Nach welchen Kriterien werden Rollen verteilt?
CL: Nicht nur danach, wer am lautesten sprechen kann. Wir achten darauf, dass sich jedes Kind wohlfühlt und wachsen kann. Manchmal bekommt jemand bewusst eine ungewohnte Rolle, um Neues auszuprobieren – aber immer so, dass es Spaß macht.
Die Zeit vor den Textheften
Wie laufen die ersten Treffen ab?
CL: Am Anfang wird viel gespielt und improvisiert – oft auch mit Unterstützung unserer Choreografin. Durch verschiedene Übungen sollen die Kinder die Möglichkeit bekommen, sich Schritt für Schritt in ihre Rollen hineinzuversetzen. Dabei lernen wir uns erst einmal als Ensemble kennen und entdecken gemeinsam Figuren. Ein Beispiel aus dem letzten Jahr: In den Proben zu „KRABAT“ haben wir Bewegungsübungen für alle gemacht, damit sich jeder einmal in die Rolle eines Raben hineinfühlen konnte.
Wissen die Kinder da schon, welche Stücke es wird?
CL: Noch nicht abschließend. Oft gibt es bereits erste Ideen, und in der Gruppe wird viel spekuliert, gerätselt und es werden Mutmaßungen angestellt. Die eigentliche Enthüllung kommt dann aber erst mit der Übergabe der Texthefte.
Wenn die Texthefte kommen
Wann bekommen die Kinder das Skript?
CL: Erst wenn die Figuren klar sind. Dann sind die meisten schon sehr gespannt und aufgeregt.
Wie reagieren sie darauf?
CL: Meist mit großer Neugier – und ein bisschen Aufregung. Plötzlich wird aus Spiel „richtiges Theater“.
Dürfen Texte verändert werden?
CL: Ja. Wenn ein Satz nicht zu einem Kind passt oder eine bessere Idee entsteht, wird er angepasst. Wichtig ist, dass sich die Kinder authentisch fühlen.
Die ersten Proben
Wie beginnen die Proben?
CL: Nach dem Aushändigen der Texthefte setzen wir uns zunächst alle gemeinsam auf die Bühne in einen Kreis. Dort lesen wir das Skript bereits in den jeweiligen Rollen laut zusammen. So bekommen alle ein erstes Gefühl für die Geschichte und ihre Figur. Im Anschluss beginnen wir dann direkt damit, das Stück beginnend mit der 1. Szene auf die Bühne zu bringen.
Wie entsteht daraus eine zusammenhängende Geschichte?
CL: Am Anfang proben wir chronologisch einzelne Szenen. Nach und nach werden sie verbunden, bis die Kinder selbst merken – jetzt erzählen wir gemeinsam eine komplette Geschichte.
Was sind typische Herausforderungen am Anfang?
CL: Laut sprechen, aufeinander hören und Geduld haben. Theater ist Teamarbeit und dazu gehört auch die gegenseitige Unterstützung innerhalb der Gruppe.
Ein wichtiger Punkt ist außerdem das Lernen des Textes. Erst wenn der Text sicher sitzt, haben die Schauspielerinnen und Schauspieler die Möglichkeit, sich ganz auf das Spielen zu konzentrieren.
Mehr als nur Schauspiel
Was lernen Kinder und Jugendliche neben dem Schauspiel?
CL: Selbstbewusstsein, Konzentration, Verantwortung und Mut. Viele trauen sich nach der Premiere plötzlich Dinge, die vorher undenkbar waren. Außerdem entwickeln sie ein Gefühl für Präsenz und Wirkung – also dafür, wie sie auf andere wirken und wie sie ihr Publikum erreichen.
Welche Rolle spielt Teamarbeit?
CL: Eine sehr große. Ein Theaterstück funktioniert nur gemeinsam. Jeder Auftritt hängt davon ab, dass alle aufmerksam sind und sich helfen. Dabei geht es nicht nur ums „Agieren“, sondern genauso ums „Reagieren“ – auf die Mitspieler, auf Situationen und manchmal auch auf kleine Überraschungen auf der Bühne. Erst durch dieses Zusammenspiel entsteht eine lebendige Geschichte.
Was überrascht euch jedes Jahr aufs Neue?
CL: Wie sehr die Kinder über sich hinauswachsen. Am Anfang stehen schüchterne Proben und am Ende eine Bühne voller Persönlichkeiten.
Bleibt gespannt – im März stellen wir euch das erste Weihnachtsmärchen der kommenden Saison vor – und auch einige unserer beteiligten Kinder kommen zu Wort.





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